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#716

Es gibt dieses Foto von meinem Vater beim Spazierengehen.
Ich habe es im Alter von zehn Jahren gemacht, im Jahr 1981. Ich erinnere mich nicht. Mein Vater hat es so in ein Album neben das Foto geschrieben.
Dieses Foto ist anders als fast alle Fotos der 17 Alben, die ich in der Wohnung meiner verstorbenen Mutter gefunden, durchgeblättert und abfotografiert habe.
Was so anders ist?
Ich denke, wir fotografieren viel zu selten das Leben wie es ist. Wir fotografieren Ideen vom Leben. Wie es sein soll. Vor allem fotografieren wir Rituale. Nicht den Tod, sondern die Beerdigung. Nicht das Zusammensein, sondern Urlaube. Nicht die Geburt, sondern die Taufe. Nicht die Liebe, sondern die Hochzeit.
Zumindest die Generation meiner Eltern hat so fotografiert.
Wir erinnern folglich mit Fotos nur ein Abbild vom Leben, bestenfalls Ausschnitte unseres Lebens. Dabei könnten wir, wenn wir uns trauen würden, das Leben ablichten. Und uns so in der Zukunft erinnern, wie es wirklich war. Mindestens wären wir näher an dieser vergangenen Wirklichkeit.
So wie ich, als ich zum Glück noch nicht wusste, wie man „richtige“ Fotos macht. Und ich deshalb festhielt, was mein Vater auch, und vielleicht vor allem, war: ein Mensch, der oft sich selbst genug war.
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#715
„Ich bin kein Läufer, ich bin ein Wanderer und wenn die Füße weh tun, nehm ich halt den Zug.“
– Anna Mabo
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#713
Ein letztes Mal in der Wohnung meiner Mutter. Mit meinem Sohn. Die Balkontür offen. Die laue Sommernacht schickt der Stadtwohnung milden Wind. Die Glühbirne im ausgehöhlten Kristallstein verteilt Dämmerlicht. Wie ein Sonne am Abend, die sich weigert unterzugehen. Eine Täuschung, denke ich. Weil doch Veränderung die einzige Konstante ist. Ein auf die Welt kommen, und ein aus der Welt gehen. Kein Kreislauf, sondern Fließband. Ein Fließband der Zeit. Was gestern war, ist heute anders und morgen Erinnerung. Im besten Fall. Auf der anderen Seite: wir in dieser Wohnung. Verbindende Stille. Worte sparsam gewählt. Damit der Augenblick nicht flieht. Damit nichts stirbt. Nie mehr etwas sterben wird. Damit alles bleibt. Wie es ist. Am Leben.
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#709
Glaubenselixier
Würde ich, wenn ich das Ende wüsste, anfangen?
Würde ich am Morgen aufstehen, Leben stützen, Wachsen begleiten, anpacken, Staub, Schwielen und Schweiß ertragen, wenn ich sehen könnte, was wird? Wenn ich sehen könnte, was am Ende aller Tage geblieben ist? Was mir geblieben ist?
Würde ich die Zukunft kennen können, ich würde sie nicht kennen wollen. Aber ich will glauben, dass sich jeder Gedanke, jedes aufgeschriebene Wort, jede halbwegs gute Tat, jeder bewusst erlebte Augenblick lohnt. Gelohnt haben wird. Dass jede gemeinsame Anstrengung, jede Zuwendung, jedes Gehörtwerden mehr ist als gute Gegenwart. Dass sich sein Sinn in der Zukunft erschließen kann. Erschließen wird. Dass sich am Ende alles gelohnt haben wird. Das will ich glauben. Gegen jede Vernunft.
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#707
Sie hatte ihrem Mann den Rücken freigehalten.
Als dieser sich nach all den Jahren erstmals umdrehte, erschrak sie aufs Fürchterlichste.
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#696
40 Grad im Schatten
Ein Taxi summt vorbei und verschwindet hinter einem Hochhaus wie ein Statist auf der Flucht von der Bühne.
Ein ratternder Zug in der Ferne faded aus wie der allerletzte Song einer Party, die nie zu enden versprach.
Vertrocknete Blätter gehen auf Reisen und kennen nur eine Richtung: weg von hier.
Im Schatten unter dem Baum weht mir der Wind ins Gesicht. Sommerhitzewind. Wie ein Versprechen, das nicht zu halten war.
Und als wollte der Wind nun auch mich vertreiben. Mir sagen ‚Geh!‘, solange du noch gehen kannst.
Aber ich werde bleiben. Und spüren. Und schauen. Und festhalten. Meine Gedanken. Das Taxi. Den Zug. Die Blätter. Den Wind. Auf gefestigter Haut.
Ich werde bleiben. Bis der Regen kommt.
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#690
Distracted
I plugged my ears
while a conversation was taking place beside me
I watched clips of a late-night show
while two people next to me were laughing together
I checked for messages on the glowing glass plate in my hand
while those coming towards me made way
A world was waiting for me. Had I looked up.
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#681
Was, wenn wir nur für uns handeln würden?
Wenn wir nicht gefallen und beeindrucken wollten, prahlen würden, besser wüssten, drüber stünden und Anerkennung suchten? Wenn es ok für uns wäre, dass andere uns so sehen, wie wir sind?
Wie würden wir uns bewegen? Was anziehen? Was essen? Was würden wir lernen? Singen? Denken? Tun? Wie würden wir zuhören? Was antworten? Wann schweigen?
Vielleicht würden wir, wenn wir ganz bei uns wären, uns kaum wiedererkennen.






































