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#723
Why I always write things down
Because I understand the world through writing.
For me, writing is the only way to really understand.
But there are two different ways of writing.
These two ways are not fundamentally different. They differ in one crucial respect.
The first way I use to find answers to questions like these: What are the differences between Polish and German society? What is the best way to fight populist parties? To get an answer, I do some research, listen to what others know, collect what I find interesting, and structure ideas. It is an outward-facing process.
And it doesn’t stop with reading. For things to make sense to me, I have to channel those thoughts into written structure, into words, sentences, paragraphs.
I call this outward-facing writing.
Then there is another way of writing. I call it the know-what-I-already-know-writing.
With this, I am not looking outside. I don’t googling it; I don’t ask Claude or people. I ask myself. How can I do good to other people without forgetting myself in the process? What do I love by taking the train? For questions like these, I ask myself, collect thoughts, and cluster them. This writing is only about me. What is inside of me, I let out. Again, I don’t just read or think about these questions. I write down what I am thinking. Initially uncontrolled, later organised, finally revised.
These are the two ways. For both: Only the polished and finished text reflects my thought process. My finished thought process.
Not finished for good. Just finished for now. What is written isn’t set in stone. I might think differently tomorrow. I often do. Slightly different. Sometimes completely different. And my thinking and writing always have errors. That is okay. It is even important. With thoughts written down, criticism becomes possible. Because one can engage more effectively with the written word.
And so I write and write. Outwardly and inwardly. Almost every day. And in doing so, I make sense of my world. Does it make me any wiser? I do not know. I hope so. What I do know is that writing makes me happy and content. It allows me to feel at home in the world. Because one can only feel at home in a world one understands, right? Or at least, when you think you have understood the world. Besides that, writing helps me remember later on. And perhaps it helps me be remembered, too.
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#720
Erinnerst du dich, als wir aufbrachen? Als wir jung waren und losgingen. Nicht weil wir gehen wollten. Sondern weil wir weg wollten. Weit weg. Weil wir brechen wollten mit dem Alten. Mit den Alten.
Und wo sind wir gelandet? Nirgendwo. Wir gehen immer noch. Aber jetzt, um des Gehens Willen. Nicht um wegzugehen. Nicht um anzukommen. Um unterwegs zu sein. Ein Leben lang.
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#718
Wer wären wir ohne die anderen?
Wären wir ein anderer? Eine andere?
Die Antwort ist schlicht. Wir wären nicht.
Nicht gezeugt.
Nicht geboren.
Nicht geworden.
Ohne die anderen.
Wir leben deshalb besser zusammen. Und schauen. Und lernen. Und werden. Wer wir sind.
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#716

Es gibt dieses Foto von meinem Vater beim Spazierengehen.
Ich habe es im Alter von zehn Jahren gemacht, im Jahr 1981. Ich erinnere mich nicht. Mein Vater hat es so in ein Album neben das Foto geschrieben.
Dieses Foto ist anders als fast alle Fotos der 17 Alben, die ich in der Wohnung meiner verstorbenen Mutter gefunden, durchgeblättert und abfotografiert habe.
Was so anders ist?
Ich denke, wir fotografieren viel zu selten das Leben wie es ist. Wir fotografieren Ideen vom Leben. Wie es sein soll. Vor allem fotografieren wir Rituale. Nicht den Tod, sondern die Beerdigung. Nicht das Zusammensein, sondern Urlaube. Nicht die Geburt, sondern die Taufe. Nicht die Liebe, sondern die Hochzeit.
Zumindest die Generation meiner Eltern hat so fotografiert.
Wir erinnern folglich mit Fotos nur ein Abbild vom Leben, bestenfalls Ausschnitte unseres Lebens. Dabei könnten wir, wenn wir uns trauen würden, das Leben ablichten. Und uns so in der Zukunft erinnern, wie es wirklich war. Mindestens wären wir näher an dieser vergangenen Wirklichkeit.
So wie ich, als ich zum Glück noch nicht wusste, wie man „richtige“ Fotos macht. Und ich deshalb festhielt, was mein Vater auch, und vielleicht vor allem, war: ein Mensch, der oft sich selbst genug war.
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#715
„Ich bin kein Läufer, ich bin ein Wanderer und wenn die Füße weh tun, nehm ich halt den Zug.“
– Anna Mabo
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#713
Ein letztes Mal in der Wohnung meiner Mutter. Mit meinem Sohn. Die Balkontür offen. Die laue Sommernacht schickt der Stadtwohnung milden Wind. Die Glühbirne im ausgehöhlten Kristallstein verteilt Dämmerlicht. Wie ein Sonne am Abend, die sich weigert unterzugehen. Eine Täuschung, denke ich. Weil doch Veränderung die einzige Konstante ist. Ein auf die Welt kommen, und ein aus der Welt gehen. Kein Kreislauf, sondern Fließband. Ein Fließband der Zeit. Was gestern war, ist heute anders und morgen Erinnerung. Im besten Fall. Auf der anderen Seite: wir in dieser Wohnung. Verbindende Stille. Worte sparsam gewählt. Damit der Augenblick nicht flieht. Damit nichts stirbt. Nie mehr etwas sterben wird. Damit alles bleibt. Wie es ist. Am Leben.
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#709
Glaubenselixier
Würde ich, wenn ich das Ende wüsste, anfangen?
Würde ich am Morgen aufstehen, Leben stützen, Wachsen begleiten, anpacken, Staub, Schwielen und Schweiß ertragen, wenn ich sehen könnte, was wird? Wenn ich sehen könnte, was am Ende aller Tage geblieben ist? Was mir geblieben ist?
Würde ich die Zukunft kennen können, ich würde sie nicht kennen wollen. Aber ich will glauben, dass sich jeder Gedanke, jedes aufgeschriebene Wort, jede halbwegs gute Tat, jeder bewusst erlebte Augenblick lohnt. Gelohnt haben wird. Dass jede gemeinsame Anstrengung, jede Zuwendung, jedes Gehörtwerden mehr ist als gute Gegenwart. Dass sich sein Sinn in der Zukunft erschließen kann. Erschließen wird. Dass sich am Ende alles gelohnt haben wird. Das will ich glauben. Gegen jede Vernunft.
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#707
Sie hatte ihrem Mann den Rücken freigehalten.
Als dieser sich nach all den Jahren erstmals umdrehte, erschrak sie aufs Fürchterlichste.
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#696
40 Grad im Schatten
Ein Taxi summt vorbei und verschwindet hinter einem Hochhaus wie ein Statist auf der Flucht von der Bühne.
Ein ratternder Zug in der Ferne faded aus wie der allerletzte Song einer Party, die nie zu enden versprach.
Vertrocknete Blätter gehen auf Reisen und kennen nur eine Richtung: weg von hier.
Im Schatten unter dem Baum weht mir der Wind ins Gesicht. Sommerhitzewind. Wie ein Versprechen, das nicht zu halten war.
Und als wollte der Wind nun auch mich vertreiben. Mir sagen ‚Geh!‘, solange du noch gehen kannst.
Aber ich werde bleiben. Und spüren. Und schauen. Und festhalten. Meine Gedanken. Das Taxi. Den Zug. Die Blätter. Den Wind. Auf gefestigter Haut.
Ich werde bleiben. Bis der Regen kommt.
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#690
Distracted
I plugged my ears
while a conversation was taking place beside me
I watched clips of a late-night show
while two people next to me were laughing together
I checked for messages on the glowing glass plate in my hand
while those coming towards me made way
A world was waiting for me. Had I looked up.
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#681
Was, wenn wir nur für uns handeln würden?
Wenn wir nicht gefallen und beeindrucken wollten, prahlen würden, besser wüssten, drüber stünden und Anerkennung suchten? Wenn es ok für uns wäre, dass andere uns so sehen, wie wir sind?
Wie würden wir uns bewegen? Was anziehen? Was essen? Was würden wir lernen? Singen? Denken? Tun? Wie würden wir zuhören? Was antworten? Wann schweigen?
Vielleicht würden wir, wenn wir ganz bei uns wären, uns kaum wiedererkennen.



































