Ein Mann steigt am Abend am Bahnhof Hagenow Land in den Fernzug nach Berlin ein. Er macht es sich unmittelbar gemütlich. Zieht seine Schuhe aus, legt die Füße auf den gegenüberliegenden Sitz, klappt das iPad auf, stellt es auf den Tisch, stöpselt drahtlose Kopfhörer ein, wählt einen Film, startet ihn, zieht nach zwei Minuten ein iPhone aus der Hosentasche, scrollt, legt das Handy auf den Tisch, nimmt einen Nussriegel aus einer Tasche, öffnet die Verpackung, nimmt das Handy in die eine Hand, scrollt, nimmt den Riegel mit der anderen Hand, beißt ab, scrollt, schaut auf den Bildschirm des Tablets, scrollt auf dem iPhone, beißt wieder ab, noch einmal, noch einmal, noch einmal, legt das Papier vom aufgegessenen Nussriegel neben das iPad auf den Tisch, schaut auf den Bildschirm, schaut aufs Handy, schaut auf sein weißes Hemd und sein blaues Jacket, wischt mit der freien Hand Krümel von beiden, greift mit beiden Händen das Handy, tippt, hält inne, tippt, wischt zur Seite, scrollt, scrollt, schaut auf den iPad-Bildschirm, schaut aufs Handy, scrollt, scrollt, scrollt. – Keine zehn Minuten sind seit dem Halt in Hagenow Land vergangen. Das Display im Großraumwagen zeigt die Reisegeschwindigkeit: 225 Kilometer pro Stunde. Nächster Halt: Wittenberge. Der Mann trinkt jetzt eine Cola Zero. Und scrollt. Und tippt. Und scrollt. Würde er in diesem Augenblick auf seinen iPad-Bildschirm schauen, sähe er eine Frau durch ein Maisfeld um ihr Leben rennen.
Category: texts
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#726
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#723
Why I always write things down
Because I understand the world through writing.
For me, writing is the only way to really understand.
But there are two different ways of writing.
These two ways are not fundamentally different. They differ in one crucial respect.
The first way I use to find answers to questions like these: What are the differences between Polish and German society? What is the best way to fight populist parties? To get an answer, I do some research, listen to what others know, collect what I find interesting, and structure ideas. It is an outward-facing process.
And it doesn’t stop with reading. For things to make sense to me, I have to channel those thoughts into written structure, into words, sentences, paragraphs.
I call this outward-facing writing.
Then there is another way of writing. I call it the know-what-I-already-know-writing.
With this, I am not looking outside. I don’t googling it; I don’t ask Claude or people. I ask myself. How can I do good to other people without forgetting myself in the process? What do I love by taking the train? For questions like these, I ask myself, collect thoughts, and cluster them. This writing is only about me. What is inside of me, I let out. Again, I don’t just read or think about these questions. I write down what I am thinking. Initially uncontrolled, later organised, finally revised.
These are the two ways. For both: Only the polished and finished text reflects my thought process. My finished thought process.
Not finished for good. Just finished for now. What is written isn’t set in stone. I might think differently tomorrow. I often do. Slightly different. Sometimes completely different. And my thinking and writing always have errors. That is okay. It is even important. With thoughts written down, criticism becomes possible. Because one can engage more effectively with the written word.
And so I write and write. Outwardly and inwardly. Almost every day. And in doing so, I make sense of my world. Does it make me any wiser? I do not know. I hope so. What I do know is that writing makes me happy and content. It allows me to feel at home in the world. Because one can only feel at home in a world one understands, right? Or at least, when you think you have understood the world. Besides that, writing helps me remember later on. And perhaps it helps me be remembered, too.
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#720
Erinnerst du dich, als wir aufbrachen? Als wir jung waren und losgingen. Nicht weil wir gehen wollten. Sondern weil wir weg wollten. Weit weg. Weil wir brechen wollten mit dem Alten. Mit den Alten.
Und wo sind wir gelandet? Nirgendwo. Wir gehen immer noch. Aber jetzt, um des Gehens Willen. Nicht um wegzugehen. Nicht um anzukommen. Um unterwegs zu sein. Ein Leben lang.
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#718
Wer wären wir ohne die anderen?
Wären wir ein anderer? Eine andere?
Die Antwort ist schlicht. Wir wären nicht.
Nicht gezeugt.
Nicht geboren.
Nicht geworden.
Ohne die anderen.
Wir leben deshalb besser zusammen. Und schauen. Und lernen. Und werden. Wer wir sind.
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#716

Es gibt dieses Foto von meinem Vater beim Spazierengehen.
Ich habe es im Alter von zehn Jahren gemacht, im Jahr 1981. Ich erinnere mich nicht. Mein Vater hat es so in ein Album neben das Foto geschrieben.
Dieses Foto ist anders als fast alle Fotos der 17 Alben, die ich in der Wohnung meiner verstorbenen Mutter gefunden, durchgeblättert und abfotografiert habe.
Was so anders ist?
Ich denke, wir fotografieren viel zu selten das Leben wie es ist. Wir fotografieren Ideen vom Leben. Wie es sein soll. Vor allem fotografieren wir Rituale. Nicht den Tod, sondern die Beerdigung. Nicht das Zusammensein, sondern Urlaube. Nicht die Geburt, sondern die Taufe. Nicht die Liebe, sondern die Hochzeit.
Zumindest die Generation meiner Eltern hat so fotografiert.
Wir erinnern folglich mit Fotos nur ein Abbild vom Leben, bestenfalls Ausschnitte unseres Lebens. Dabei könnten wir, wenn wir uns trauen würden, das Leben ablichten. Und uns so in der Zukunft erinnern, wie es wirklich war. Mindestens wären wir näher an dieser vergangenen Wirklichkeit.
So wie ich, als ich zum Glück noch nicht wusste, wie man „richtige“ Fotos macht. Und ich deshalb festhielt, was mein Vater auch, und vielleicht vor allem, war: ein Mensch, der oft sich selbst genug war.
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#715
„Ich bin kein Läufer, ich bin ein Wanderer und wenn die Füße weh tun, nehm ich halt den Zug.“
– Anna Mabo
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#713
Ein letztes Mal in der Wohnung meiner Mutter. Mit meinem Sohn. Die Balkontür offen. Die laue Sommernacht schickt der Stadtwohnung milden Wind. Die Glühbirne im ausgehöhlten Kristallstein verteilt Dämmerlicht. Wie ein Sonne am Abend, die sich weigert unterzugehen. Eine Täuschung, denke ich. Weil doch Veränderung die einzige Konstante ist. Ein auf die Welt kommen, und ein aus der Welt gehen. Kein Kreislauf, sondern Fließband. Ein Fließband der Zeit. Was gestern war, ist heute anders und morgen Erinnerung. Im besten Fall. Auf der anderen Seite: wir in dieser Wohnung. Verbindende Stille. Worte sparsam gewählt. Damit der Augenblick nicht flieht. Damit nichts stirbt. Nie mehr etwas sterben wird. Damit alles bleibt. Wie es ist. Am Leben.
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#709
Glaubenselixier
Würde ich, wenn ich das Ende wüsste, anfangen?
Würde ich am Morgen aufstehen, Leben stützen, Wachsen begleiten, anpacken, Staub, Schwielen und Schweiß ertragen, wenn ich sehen könnte, was wird? Wenn ich sehen könnte, was am Ende aller Tage geblieben ist? Was mir geblieben ist?
Würde ich die Zukunft kennen können, ich würde sie nicht kennen wollen. Aber ich will glauben, dass sich jeder Gedanke, jedes aufgeschriebene Wort, jede halbwegs gute Tat, jeder bewusst erlebte Augenblick lohnt. Gelohnt haben wird. Dass jede gemeinsame Anstrengung, jede Zuwendung, jedes Gehörtwerden mehr ist als gute Gegenwart. Dass sich sein Sinn in der Zukunft erschließen kann. Erschließen wird. Dass sich am Ende alles gelohnt haben wird. Das will ich glauben. Gegen jede Vernunft.
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#707
Sie hatte ihrem Mann den Rücken freigehalten.
Als dieser sich nach all den Jahren erstmals umdrehte, erschrak sie aufs Fürchterlichste.
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#696
40 Grad im Schatten
Ein Taxi summt vorbei und verschwindet hinter einem Hochhaus wie ein Statist auf der Flucht von der Bühne.
Ein ratternder Zug in der Ferne faded aus wie der allerletzte Song einer Party, die nie zu enden versprach.
Vertrocknete Blätter gehen auf Reisen und kennen nur eine Richtung: weg von hier.
Im Schatten unter dem Baum weht mir der Wind ins Gesicht. Sommerhitzewind. Wie ein Versprechen, das nicht zu halten war.
Und als wollte der Wind nun auch mich vertreiben. Mir sagen ‚Geh!‘, solange du noch gehen kannst.
Aber ich werde bleiben. Und spüren. Und schauen. Und festhalten. Meine Gedanken. Das Taxi. Den Zug. Die Blätter. Den Wind. Auf gefestigter Haut.
Ich werde bleiben. Bis der Regen kommt.
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#690
Distracted
I plugged my ears
while a conversation was taking place beside me
I watched clips of a late-night show
while two people next to me were laughing together
I checked for messages on the glowing glass plate in my hand
while those coming towards me made way
A world was waiting for me. Had I looked up.
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#681
Was, wenn wir nur für uns handeln würden?
Wenn wir nicht gefallen und beeindrucken wollten, prahlen würden, besser wüssten, drüber stünden und Anerkennung suchten? Wenn es ok für uns wäre, dass andere uns so sehen, wie wir sind?
Wie würden wir uns bewegen? Was anziehen? Was essen? Was würden wir lernen? Singen? Denken? Tun? Wie würden wir zuhören? Was antworten? Wann schweigen?
Vielleicht würden wir, wenn wir ganz bei uns wären, uns kaum wiedererkennen.
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#667
Who hurt you, once,
so far beyond repair
that you would meet each overture
with curling lip?
While we, who knew you well,
your friends, (the focus of your scorn)
could see your courage in the face of fear,
your wit, and thoughtfulness,
and will remember you
with something close to love.
Louise Penny, in "Bury Your Dead"
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#643
Dies ist ein Gedicht für meine Mutter
die mehr als fünfundachtzig Jahre lebte
die im Krieg geboren wurde und im Frieden starb
Die ihren eigenen Frieden finden musste
sich befreien musste von Konventionen und Erwartungen
die sich befreite von Konventionen und Erwartungen
Dies ist ein Gedicht für meine Mutter
die sich ihre eigene Religion baute
wie es ihr passte
Die überhaupt viel machte, wie es ihr passte
die lernen musste wie das geht
die ihren Mann sterben sah und danach zu leben begann
Die danach zwanzig Jahre ein Leben nach ihrer Façon lebte
ein Leben voller Sehnsucht
viel erfüllter Sehnsucht
mit der ich mich dennoch oft nicht verstand
mich nicht verständigen konnte
weil ihre Art zu leben nicht meine war
ihre Vorstellungen oft nicht meine Vorstellungen waren
Dies ist ein Gedicht für meine Mutter
die mehr als fünfundachtzig Jahre lebte
Die ihren Frieden gefunden hat
den ich noch suche.
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#37
Tense Life
For more than half a century, I have been expanding
by crawling
by walking
by bicycle
by moped
by car
by train
by plane
by changing homes
by trying to understand people’s behaviour
in Tauberbischofsheim
in Germany
in Europe
by learning English
by chatting with the worldWill there ever be a turning point? From expansion to contraction. From moving on to moving back. How would that feel? Like coming home after a beautiful journey? Or like being arrested after years of escaping?
Am I running? Or am I on the run?
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#40
In May
A tender breeze in the warm evening light. Small groups have colonised the park. Like marmots. Sitting, chatting, turning their heads to check what is happening around them. Turning their heads like don’t believing what’s happening around them. Laughs, music, mumbling. Life has changed, has dressed up. Shapes become visible. Everything is blossoming. Cherry, chestnut, people, even me. Life is back. The end seems far away. Seems it never has been as far away as on this floating evening in May.
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#640
A slippery thought.
Brought to paper.
In this very moment.
Through technology, once cutting-edge.
Paper and pen.
Still serving everything that is needed.
Making that immediate thought last.
Forever.
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#638
What did you see
when you looked around?
The trophies of your golden years
were nowhere to be found.
from "Undertow", Kliffs
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#593
Warum ich schreibe? Um der Isolation zu entkommen. Der sprachlosen Gefangenschaft mit mir selbst. Schreiben verbindet mich. Mit mir. Mit der Welt. Wie Riechen, Fühlen und Hören bringt auch Schreiben in Kontakt. Sogar losgelöst von Raum und Zeit.
Schreiben ist im wahrsten Sinn mein 7. Sinn. Eine Super-Kraft. Keine Angst mehr vor dem Locked-In-Syndrom. Diesem Horror, bei vollem Bewusstsein, nicht mehr kommunizieren zu können. Unfähig selbst zum Zwiegespräch mit mir selbst. Weil ohne Sprache kein Denken möglich ist.
Schreiben rettet mich. Jeden Tag aufs Neue.