Wer geliebt werden will
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übernimmt Meinungen
folgt Trends
passt sich an
erfüllt Erwartungen
Wer liebt
ist frei.
(21 November 2019)
Category: texts
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#534
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#519
Ring the bells that still can ring
forget your perfect offering
There's a crack in everything
that is how the light gets in.
– from Leonard Cohen's song "Anthem"
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#514
“Wer lernen, Augen und Gehör schärfen, sein Gedächtnis stäken will, der möge Jagd auf Worte machen, in trockenen Fachzeitschriften ebenso, wie in den Werken von Dichtern. Er soll jedes Wort, dessen er habhaft werden kann, wie eine kostbare Beute behandeln. Er soll es drehen und wenden und von allen Seiten besehen. Er soll es betasten, beriechen und schmecken, im Mund zerkauen und auf der Zunge zergehen lassen, bis es ganz seins geworden ist, ein körpereigenes Werkzeug wie die Zellen des Gehirns, in denen es fortan bereit liegt – als Kürzel für die Wirklichkeit, die er sonst nicht begreifen könnte, als Schlüssel zum besseren Verständnis für die Welt.” – Sebastian Leitner in „So lernt man Lernen“, 1972
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#493
Lauschen & Rauschen
In der Küche geben Igor Levit und die Spülmaschine ein Konzert und wiegen die Wohnung adagio in die Nacht. Auf dem Sofa dreht der Stift spürbar in der Hand und sucht Worte der Dankbarkeit für den endenden Tag.
26 February 2020
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#491
Partyende
Versunken im trüben Wasser
waschen Hände Schuld von den Tellern
Bringen zyklisch Glanz in ein Leben
das dringend aufpoliert werden muss.7 March 2020
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#456
Beerdigung
Sie waren wegen ihm gekommen. Zu ihm. Ein letztes Mal. Reden, Singen, Weinen, Lachen, Essen. Gemeinsam. Dabei hatte er schon gar keine Worte mehr. War nur noch kalter Körper. Er sei jetzt ein anderer, sagten manche. Vielleicht war er auch gar keiner mehr. Nur noch Erinnerung. Am Abend gingen sie wieder auseinander. In alle Himmelsrichtungen. Nur er blieb zurück. Ein Hinterbliebener. Für immer.
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#375
Quarantäne
zu Hause
in den angemieteten vier Wänden
auf Widerruf
geliehenes Leben(05 April 2020)
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#374
#stayathome
Beheizt und bevorratet
blättern wir durch Fotoalben
schauen Serien
erzählen Geschichten
von einer anderen WeltWir reisen in Gedanken an Orte
an denen wir waren
zu denen wir wollenDabei malen wir
mit Fantasie und Sehnsucht
eine Zukunft
in der “zu Hause”
die Zeit zwischen
Ankunft und Aufbruch
beschreibt.(29 March 2020)
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#365
Afternoon on the Balcony
How does it feel
the sun from the right
the shadow on the left
the warmth on my skin
no need to reset?How did I come
to that ambiguous point
with all the words in my brain
fingers putting them down
gains vanished by rain?Why do I still search
for what this is all for? –
Put the pen aside
watch the sun go down
feel this is alright.(8 May 2020)
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#197
Du und ich
Wie soll ich sein
Wie siehst du mich
Was erwartest du
Liebst du mich?Wie kann ich gefallen
Was soll ich erfüllen
Was denkst du von mir
Kann ich mich enthüllen?Was wirst du sagen
wenn ich nicht mehr bin
Wirst du dich freuen
dass ich schon ging?Ich werd es nicht wissen
bin nur bis dahin.
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#95
Heidenheim
Vielleicht denken wir das Leben unserer Eltern und Großeltern zu sehr vom Ende her. Vielleicht können wir dadurch wenig lernen. Wenn wir fragen, warum die Großmutter so harsch wurde, der Großvater nicht mehr leben wollte. Vielleicht sollten wir die Vergangenheit besser in Augenblicken denken. In glücklichen Augenblicken. Weil das Leben in erster Linie nicht Verkettung ist. Nicht Kausalität. Sondern vor allem im Hier und Jetzt stattfindet. Und es diese Augenblicke sind, die bleiben. Augenblicke, die – in kleine Geschichten verpackt – in die Gegenwart gelangen. Augenblicke, die offensichtlich wichtig waren. Sonst wären sie vergessen. Wenn das Mädchen im Wohnzimmer am schwarzen Klavier mal wieder der Nachbarin aus Schlesien ihr Lieblingslied aus der Heimt vorspielen muss und die Vertriebene dabei regelmäßig in Tränen ausbricht, und wenn dann der fünfjährige Bruder des Mädchens seine Mutter fragt, warum sich die Frau nur immer dieses eine Lied wünsche, wo ihr doch klar sein müsste, dass es sie traurig mache. Oder wenn es dem Vater gelingt, dem Vater, der vor allem eines kann: anpacken, der nach all den Kriegserfahrungen nicht mehr zur Ruhe kommen kann, der deshalb nach getaner Arbeit in der Textilfabrik noch beim Lebensmittel-Großhändler aushilft. Wenn es diesem Vater also gelingt, vielleicht durch ein kluges Gespräch mit dem Großhändler, seinem Sohn dort eine kaufmännische Lehre zu verschaffen. Weil der Großhändler vermutet, dass wenn der Vater zuverlässig ist, es der Sohn auch sein wird. Oder wenn dieser Vater, der seine Kinder regelmäßig zu Vereinstreffen mitnimmt, ihnen stets eine Bratwurst und eine Limo spendiert, trotz der knappen Kasse. Und die Kinder diese wiederkehrende Geste kleiner Großzügigkeiten nie vergessen werden. – Vielleicht sind es vor allem diese kleinen Geschichten, die wichtig sind. Weil sie klar machen, dass jeder Tag in diesem Sinne groß, nämlich erinnerbar, werden kann. Und weil sie uns bewusst machen, dass es besser ist, diese Augenblicke nicht erst dann als Glück zu begreifen, wenn die Wehmut Tränen bringt.
26. Februar 2018
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#80
Durch Brandenburg
Ich gehe. Durch Wälder, Wiesen und Dörfer. Lasse mit jedem Schritt ein wenig Unruhe zurück. Ich sehe wieder mein Leben, ohne Euphorie, ohne Groll. So wie es ist. Ich bin draußen drinnen. Und ich sing “Ich bin, ich bin, ich bin” leise vor mich hin.
(26 September 2020)
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#73
Der Alleskönner
Und? Was kannst du, hatten sie ihn gefragt. Er hatte kurz nachgedacht. Was sollte er sagen? Er konnte so vieles. Er konnte sehen. Er konnte schmecken. Er konnte hören. Er konnte riechen. Er konnte fühlen. Er konnte ohne Zweifel auch denken und sprechen, rennen und verweilen, planen und handeln. Manchmal konnte er sogar helfen, mitfühlen, zuhören und trösten. Und oft konnte er lachen, selten auch weinen. Er antwortet also wahrheitsgemäß, dass er ein Alleskönner sei. Da lachten sie ihn aus.
28 November 2020
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#64
In der Hand der Stift. Fast ohne Zittern. Die Unruhe weit innen. Verborgen. Die Angst noch sprachlos, formlos, gierig. Was, wenn sie sein dürfte? Wenn Angst Worte fände? Die Angst vor dem Tod. Die Angst vor Krankheit. Die Angst vor Schmerzen. Die Angst vor Verlust. Die Angst vor Demütigung. Was würde geschehen? Wenn wir sie fassen könnten die Angst, weil sie Worte auf Papier wären, schwarz auf weiß. Dann könnten wir sie ansehen die Angst, überarbeiten, zerknüllen, aufhängen, bewahren, ihr überdrüssig werden. Dann könnten wir die Angst vielleicht manchmal sogar vergessen.
(19 December 2020)
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#62
Schach an Heilig Abend
Ein leuchtender Globus spendet spärlich Aufmerksamkeit in der Dachkammer der verräumten Kindheit. Auf dem Holzbrett klammert Weiß letzte Hoffnung. Draußen Dämmerung seit dem Morgengrauen. Heller Rauch bläst aus kleinen Schornsteinen wie Nebelmaschinen vor Konzertbeginn. Warten auf Anfang. Vergeblich. Stille. Nacht. Die dunkle Fensterscheibe beschlagen. Tausend Tropfen zeichnen Gitterstäbe auf dem Weg nach unten. Drinnen geht ein Licht auf. Schwarz gewinnt.
(24 December 2020)